Berichterstattung der Sendung „Monitor“ des WDR vom 30.04.2020

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12. Mai 2020

Stellungnahme bezüglich der Diskussion nichtinvasive vs. invasive Beatmung

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Patientinnen und Patienten,

jede Therapie besitzt Vor- und Nachteile. Die einzelnen Möglichkeiten bei einem teilweisen oder kompletten Versagen der Atmung haben wir unter der Rubrik „Intensivstation“ aufgelistet. Aktuell gibt es unter Experten bei Patienten mit Covid-19-Erkrankung eine Diskussion bezüglich der Auswahl der Beatmungsformen, die in der Öffentlichkeit entsprechend auch durch die Berichterstattung der Sendung „Monitor“ des WDR wahrgenommen wird.

Von der einfachen Sauerstoffgabe über Nasensonde oder Maske über die nasale High-flow-Sauerstofftherapie, die nichtinvasive Beatmungstherapie mittels Maske oder Helm, die invasive Intubation und Beatmung bis hin zur ECMO-Therapie sind die Methoden zunehmend in der Lage, ein Mehr an Funktionen der Lunge zu übernehmen, allerdings auch mit einer Zunahme der möglichen Komplikationen. Dies hängt auch von den Grunderkrankungen der Patienten ab.

So würde sicherlich niemand infrage stellen, einen Patienten nach einer schweren Operation nachzubeatmen, bei Patienten mit z. B. chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) würde man die Intubation aus unserer Sicht schon aufgrund der höheren Komplikationsrate im Verlauf der Beatmung hinterfragen. Aus diesem Grund wurden und werden in unserem Haus Patienten mit entsprechenden Lungenvorerkrankungen wie z. B. COPD primär mit nasaler High-flow-Therapie und nichtinvasiver Maskenbeatmung (NIV-Therapie) behandelt. 

Hier sehen wir die Risiken einer invasiven Beatmungstherapie deutlich höher als bei Lungengesunden.

Im Rahmen der Covid-19-Pandemie wurde relativ früh auch von der WHO die Empfehlung herausgegeben, Patienten bei Lungenversagen möglichst früh zu intubieren. In einigen Studien zeigten die intubierten Patienten jedoch eine sehr hohe Sterblichkeit, so dass wir aufgrund der aktuellen Datenlage diese Empfehlung in dieser Formulierung für unglücklich halten. 

Die beiden international anerkannten Mediziner Dr. John J. Marini, USA und Dr. Luciano Gattinoni, Italien (aktuell Gastprofessor an der Uni Göttingen), führen in einer Fachveröffentlichung in der amerikanischen Fachzeitschrift JAMA vom 24.04.2020 aus unserer Sicht noch einmal folgerichtig aus, dass das akute Lungenversagen bei Patienten mit Covid-19 nicht mit einem gewöhnlichen ARDS zu verwechseln ist, sondern eine eigene Form (CARDS) aufweist.

Des Weiteren legen sie dar, dass bei Patienten es möglicherweise zu einer Stabilisierung des Krankheitsbildes in der in der initialen Phase im sogenannten Typ-L kommen kann, insbesondere, wenn man durch nichtinvasive Beatmungsmaßnahmen wie nasalen High-Flow und nichtinvasive Beatmung die Atemanstrengungen des Patienten reduzieren kann. Nur bei einem Versagen der nichtinvasiven Therapieformen sollte dann frühzeitig eine Intubation erfolgen, um den Teufelskreis der Lungenveränderungen zu unterbrechen. 

Aus diesem Grund erfolgt bei uns bei Patienten mit Covid-19, aber auch mit anderen Lungenerkrankungen, primär eine Therapie mittels Maskenbeatmung (NIV-Therapie) und nasalem High-flow. Es wird dann aber auch sowohl bei den Patienten mit Covid-19 als auch z.B. bei COPD frühzeitig und engmaschig überprüft, ob eine Stabilisierung erzielt werden kann oder eine Intubation erfolgen muss.

Diese Therapie ist auch bei kreislaufstabilen Patienten deutlich personalintensiver als eine invasive Beatmungstherapie. Darüber hinaus muss ein sorgfältiges Monitoring erfolgen, um – sollte die NIV-Therapie versagen – dann ggf. doch eine rechtzeitige Intubation und invasive Beatmung durchführen zu können.

Aus unserer Sicht geben uns jedoch unsere Erfahrungen und die Erfahrungen anderer pneumologischer Kollegen, wie z. B. Herrn Dr. Voshaar KH Bethanien, Moers, Recht, primär eine nichtinvasive Beatmungstherapie zu versuchen, wie von den Kollegen Marini und Gattinoni vorgeschlagen. Es geht aus unserer Sicht auch nicht darum, welche Therapie falsch oder richtig ist, sondern wann welche Therapie am besten angewandt werden sollte.

Wir lehnen eine invasive Beatmung nicht grundsätzlich ab, sondern sehen einen Therapieversuch mittels nichtinvasiver Beatmung als indiziert an. Bezüglich der invasiven Beatmung verfahren wir analog zu den Empfehlungen in der oben genannten Veröffentlichung. In Bezug auf Covid-19 werden sicherlich laufende Studien zur weiteren Klärung der Fragestellung beitragen.

Den Vorwurf einer Panikmache müssen wir von uns weisen. Aber eine fachliche Diskussion muss, auch im Interesse der Patienten, möglich sein, ohne ärztliche Kollegen als unqualifiziert zu diskreditieren.

Dr. med. Bernd Kurz
Chefarzt/Ärztlicher Direktor
FA Innere Medizin
FA Innere Medizin und Nephrologie
Zusatzbezeichnung
spezielle internistische Intensivmedizin
und Notfallmedizin

Prof. Dr. med. G. Laier-Groeneveld
FA für Innere Medizin und Pneumologie